Startseite
    HerzBlut
    AlarmClockSpirit
    Anekdoten
    Dickichte
    Crazy Clarity
    Plänkel mit Abfahrt
    Plänkel ohne Abfahrt
    Schweinestall Durchschnittskoma
    Briefe
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
  Abonnieren

   myspace dianArt

http://myblog.de/diana8

Gratis bloggen bei
myblog.de





Am NowHere II

Heikos Koffer

Die Sache mit dem Schulhof wiederholte sich einige Jahre später auf dem Internat. Es hatte grade zum Pausenende geläutet, als ich den Schulhof verlassen und mich zum Klassenraum der 7c begeben hatte. Eine Stunde Englisch bei Mr. Austin stand an und ich war, wie immer, gelangweilt ins Klassenzimmer geschlurft. Es war laut. Fast dreißig Schüler tummelten sich im Gebrüll. Mr. Austin war noch nicht da. Wie immer wanderte ich am LehrerPult vorbei auf den schmalen Gang zu, der die Tischreihen voneinander trennte, als ich mich aus irgendeinem Grund beeilen wollte, meinen Schritt verschnellerte und plötzlich –

über einen Koffer stolperte.


Im freien Fall brannte sich das weinrote Kunstleder des Koffers mit gülden MessingSchnallen in mein Bewusstsein. Auch der Name des Koffereigners war mir jetzt aufdringliche Gegenwart: Heiko Fuchs, sowie dessen psychische Struktur und wo die ihn hinführen würde auf seinem Weg, offenbarte sich mir im Augenblick des Falls und jenseits aller Worte. Was keine angenehme Erfahrung war, denn es war Heikos Feigheit im Angesicht eines totbürokratischen Lebens, die sich mir konserviert und aufgeblasen offenbarte, während es mich niederstreckte, - blitzschnell und rabiat.
 

Als ich zur Besinnung kam, vernahm ich unter den noch geschlossenen Augenlidern eine einen englischen Text lesende junge Mädchenstimme und die Anwesenheit vieler Lebewesen, die jetzt innehielten. Es war still um diese Stimme herum, - man schien zuzuhören.  Allmählich nahm ich meinen Körper zur Kenntnis, der sich ungelenk in der Horizontalen zu befinden schien.  Ich spürte einen allmählich steigenden Blutdruck und die Ausschüttung von Adrenalin in mir. Was war geschehen? Ich mußte das Bewusstsein verloren haben.
 

Langsam öffnete ich die Augen. Mein Blick fiel auf Tisch- und Menschenbeine, ich lag tatsächlich auf dem Fußboden. Warum sagte keiner was? Bemerkte mich niemand? Entgeistert sah ich an den Tisch- und Menschenbeinen hinauf. Meine Mitschüler waren über ihre Bücher gebeugt. Keiner erwiderte meinen Blick. Sie sahen mich nicht. Ich stand mit wackligen Beinen vorsichtig auf. Der Unterricht hatte längst begonnen. Was zu meiner Annahme führte, dass auch der Lehrer schon da sein musste.

Jetzt hatte ich als einzig Stehende im Raum den vollen Überblick, den ich mir klopfenden Herzens durch eine halbe Drehung um die eigene Achse verschaffte. Ein Mädchen in der letzten Reihe las immer noch, der Rest aller Anwesenden war still. Die Frage, wer hier wirklich anwesend war, drängte sich mir auf und erregte mich zum Bersten. Zwei der Schüler schauten mir direkt in die Augen, doch durch mich hindurch. Die Erregung mischte sich mit Furcht: Vielleicht hatten Mr. Austin und alle anderen die Abmachung getroffen, mich zu ignorieren, und so zu tun, als sei ich Luft? Vielleicht dachten sie, ich hätte die Ohnmacht nur gespielt, um Aufmerksamkeit zu erregen?

Das konnte nicht sein. So gut konnten die alle nicht spielen. Das war unmöglich. So zu tun, als nehme man einen nicht wahr, ist für jemanden mit schauspielerischen Fähigkeiten kein Problem, aber bei an die dreißig Teenagern würde irgendeiner versagen und schauen. Es konnten unmöglich sechzig Augenpaare ihre Neugier verbergen!

All das schoß mir in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf, als ich Mr. Austin entdeckte, der vorne am LehrerPult so in seinem Buch las, wie man darin liest, wenn für einen grad nichts Ungewöhnliches geschehen ist.

Ich schob mich durch die Tischreihen  zu meinem Platz in der hintersten Ecke und setzte mich. Geschockt und gleichermaßen fasziniert musterte ich meine Nachbarin, deren Ellenbogen nun meinen leicht berührte. Sie nahm keine Notiz von mir. In ihrem Profil war zweifelsohne zu erkennen, dass es sich nicht um einen schauspielerischen Akt handelte. Ich schaute mich nochmals im Raum um. Für niemanden war etwas Aussergewöhnliches passiert. Auch Heiko bemerkte nicht, dass sein Koffer neben seinem Tisch umgekippt mitten im Gang lang. Er hätte ihn nie bewusst dort so liegen lassen, er war viel zu penibel dafür.

Eine stille Träne kullerte über mein rechtes Jochbein, platschte lautlos auf das vollgekritzelte, abgenutzte Holzpult und verschwand, wie das Erlebte, im ahnungslosen Nichts....


 

 

 

 

 

7.6.07 23:35
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung