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Deva

„Jetzt tief durchatmen!“

Die Norwegerin Anna lächelt mich an und schaut bemüht tapfer, als wir das Portal des indischen Krankenhauses in der Nähe von Rishikesh betreten. Es ist mein vierter vielwöchiger Aufenthalt im Norden dieses Landes, welches mir seine lichte Seite ebenso zeigt, wie die Dunkle, in deren Rachen wir nun gesammelt über die Treppen des Portals steigen, als seien es  blutige Zähne Kalis. Wir schreiten über den breiten, graukühlen Korridor, um in den ersten Stock zu gelangen. Zu unseren Seiten reihen sich unzählige alte Betten und Bahren aneinander, auf denen Kranke, Verletzte und Schwerverletzte schlafen, vor sich hinvegetieren oder sterben. Manche stöhnen, manche röcheln, manche geben keinen Ton von sich. Andere sind schon tot. Ein alter Mann, der auf einer morschen Holzbahre liegt, starrt mich offenen Mundes ohne Zähne aus dunklen tiefen Augenhöhlen leer an.

„Was ist das für ein Geruch“, frage ich konzentriert, während wir die nächste Treppe zum Obergeschoß eiligen Schrittes ansteuern und ich mich umschaue „Wo sind die Ärzte und Schwestern? Ich sehe keine Ärzte und Schwestern! Und wo ist die Medizin, ich sehe keinen  Medizinschrank –  “

Anna ist irritiert. „Keine Ahnung. Ist ja ein Krankenhaus für die unteren Kasten. Interessiert sich kaum einer für, die Leute werden notdürftig versorgt und krepieren dann meistens. Welchen Geruch meinst Du? Blut, Kot, Urin….?!“ Sie rollt resigniert mit den Augen. Ich rümpfe die Nase.

„Was benutzen die hier zur Desinfektion?“

„Ach so, Du meinst die Seife! Ja, das ist das einzige, was die hier zur Desinfektion haben. Wir müssen uns übrigens oben gleich die Hände damit waschen.“

Der Geruch der billigen Seife zieht sich durch das gesamte Hospital und vermischt sich mit den Ausdünstungen verschiedenster Exkremente. Wir steigen die Treppe hinauf.  Ich bin vorbereitet.

Anna und ich hatten vor einigen Tagen vor unserem Hotel auf dem Marktplatz in Laxmanjhula gesessen, als sie mir verstört und geschockt von ihrem Erlebnis erzählte, welches sie eine Woche zuvor am Morgen um vier Uhr hatte. Ich war erst vor einigen Tagen angereist, und so entgingen mir die gellenden Schreie, die Anna an jenem Morgen geweckt hatten.

„Ich wachte auf von Schreien, - das kannst Du Dir nicht vorstellen – ich habe noch nie solche Schreie gehört. Eine Frau schrie um ihr Leben, das hörte ich sofort. Ich sprang aus dem Bett und lief zunächst über die riesige Terrasse, um am Geländer auf den Marktplatz hinunter zu schauen. Ich konnte kaum etwas sehen, es war stockfinster. Alles, was ich auf der anderen Seite des Marktplatzes in der Ecke einer von ihm abgehenden Gasse erkennen konnte, waren die Silhouetten dutzender Gestalten. Ich war mir ziemlich sicher, dass es sich um Männer handelte. Sie gaben keinen Ton von sich, während in der Mitte des Zirkels, den sie bildeten, ein Feuer zu brennen schien, welches die Frauenschreie entfachte. Ich wusste erst nicht, was ich tun sollte. Ich würde ja unmöglich mitten in der Nacht als Frau das Hotel verlassen, schon gar nicht, wenn da eine Horde Männer im Dunklen steht. Ich weckte Caren und Roa, während das Geschrei kein Ende nehmen wollte. Zu dritt brüllten wir schliesslich von der Terrasse hinunter über den Marktplatz, was da los sei. Dann wurde es plötzlich still. Als wir  schliesslich, inzwischen angezogen, zu der Stelle rannten, wo es passiert war, standen dort nur noch zwei Bettler und ein älterer Mann, der traurig den Kopf schüttelte. Das Feuer war erloschen. Wir schoben uns an dem alten Mann vorbei, um zu sehen, was er betrachtete: Den kleinen zarten verbrannten Körper einer wimmernden jungen Frau, die noch lebte. Ihr schwarzes Haar war abgeschnitten und verzottelt.

Wir beugten uns über den im Staub röchelnden Körper. In der Luft lag eine Prise Benzin, verbrannte Haut, Hass, Gewalt und Angst. Roa zündete ihr Feuerzeug, damit wir die Frau in der Dunkelheit besser sehen konnten. Sie stöhnte schmerzerfüllt. Caren lief zum Hotel, um ein Taxi rufen zu lassen, das die Verletzte ins Krankenhaus bringen sollte. Innerhalb weniger Minuten war es da.  Es war furchtbar schwierig, die Frau auf die Rückbank zu legen, weil sie ständig aufschrie und brüllte vor Schmerz. Caren hatte ein Laken aus dem Hotel mitgebracht, damit sie wenigstens auf etwas Sauberem lag. Wir trauten uns kaum, ihren fast vollends entblössten, verbrannten Körper mit dem Laken zu bedecken, wegen der ganzen Brandwunden. Das waren Verbrennungen dritten Grades. Da kann man nicht einfach Stoff drauflegen, das bappt ja alles fest! Oder?!“

Ich schluckte. Anna holte tief Luft und fuhr fort:

„Mittlerweile wissen wir, was geschehen ist. Die Frau ist von ihrer Familie verstossen worden, - warum weiss keiner. Hier in Indien ist eine Frau, die von ihrer Familie verstossen wird, Freiwild, man kann mit ihr machen, was man will. Man erkennt sie an ihren abgeschnittenen Haaren. Sie hat keine Rechte mehr und ist sozusagen zum Abschuss freigegeben. Frauen mit Brandwunden haben es noch schlimmer, Haare wachsen ja immerhin, aber die Brandnarben bleiben. Eine Frau mit Brandnarben überlebt in diesem Land, wenn überhaupt, höchstens als Bettlerin. Dieser Frau wurden die Haare wohl von ihrer Familie abgeschnitten, bevor man sie hier in der Nähe auf dem Land einfach aus dem Auto geschmissen hat, weit weg von ihren Verwandten, die irgendwo im Süden wohnen. Das soll die Frau jedenfalls selbst erzählt haben, bevor -- .“

Anna hält inne, zündet sich eine Zigarette an, nippt am Tee und schnappt nach Luft.

„So an die zehn Männer haben sie vergewaltigt und dann ihren Torax mit Benzin übergossen und angezündet. Keine Hundert Meter von unserem Hotel entfernt!“

Caren, Roa, Anna und einige Europäerinnen, die ebenfalls in Laxmanjhula weilen, wechselten sich seit einer Woche mit den Krankenhausbesuchen ab, und heute ist Annas Tag.

„Bitte begleite mich. Ich kann da nicht noch mal alleine hingehen!“

Und so kam es dazu, dass ich mit Anna nun die Treppe zum Obergeschoss hinaufgehe, um sicherzustellen, dass die von allem verlassene und verbrannte 21 Jahre junge Frau nicht schon wieder in ihrem Kot liegt, vollgepisst und beschmiert von Blut und Wundwasser verhungernd in einem alten braunen Damenkleid mit weissen Blümchen.

Wir stehen vor der Tür zu ihrem grossen, kalten, leeren Zimmer und sehen sie durch dreckige Scheiben hindurch auf einem Bett liegen. „Die haben die Laken schon wieder nicht gewechselt. Siehst Du es? Sie liegt da in ihrer Scheisse. Diana, ich…kann da nicht reingehen. Ich sag erstmal der Schwester Bescheid. Und dem Arzt. Der wollte sich darum kümmern, dass sie in ein anderes Krankenhaus gebracht wird. Ich glaub in Deradun, da wird sie besser versorgt. Es soll da irgendeinen Onkel geben, der dafür aufkommt. Gesehen hat den bisher allerdings noch keiner.“

Anna macht auf dem Absatz kehrt und ich betrete das Zimmer. Es ist mucksmäuschenstill, die Frau liegt mit halbgeschlossenen Augen in einem alten Metallbett auf dem Rücken. Hatte sie überhaupt einen Namen gehabt? Ich nenne sie Deva.

Und nehme leise auf einem Stuhl neben ihr Platz. Ihr Gesicht ist unversehrt, ebenso wie ihre oberen Arme, Unterschenkel und Füße. Der Rest ihres Körpers ist eine Landschaft aus halbverbranntem rosa Fleisch, das achtlos der Fetzen Stoff des nicht zugeknöpften, braunen Damenkleides mit weißen Blümchen halb bedeckt. Es stinkt nach Kot, Urin und billiger Seife.

„Namaste….“

Sie erwidert meinen flüsternden Gruß mit ausdruckslosem Blick und leisem Seufzer. Ich betrachte ihre dicken, pechschwarzen, verstaubten Zotteln. Es ist offensichtlich, mit welch Hass und Verachtung man ihr das Haar mit stumpfer Schere abgerupft hatte. Die Tür geht auf und eine grimmig dreinblickende indische Schwester kommt herein. In gebrochenem englisch erklärt sie mir, dass nun die Laken gewechselt würden. Ein gleichmütiger, groß gewachsener  Arzt betritt den Raum und bittet mich sachlich, draußen zu warten. Im Türrahmen steht Anna, den Tränen nahe. Allmählich geht mir ihr dramatisches Mitleid fernab von Mitgefühl auf die Nerven. In diesem Zustand kann sie unmöglich jemandem Kraft geben. Statt selbst das Zimmer zu verlassen, schicke ich sie weg.

„Reiß Dich zusammen. Geh und besorg Wasser und Weintrauben.“

Sie nickt schweigend, als hinter mir Deva aufheult und ich mich umdrehe. Die barsche Krankenschwester hat sie vom Bett gezogen, und nun hängt Deva wie ein Stück Grillfleisch im braunen Kleidchen schreiend und dreiviertelnackt „irgendwie“ an der mit einem weißen Stück Stoff eingewickelten Hand der angeekelten Krankenschwester, die hauptsächlich damit beschäftigt ist, nicht mit Devas verbrannter Haut in Berührung zu kommen. Entsetzt beobachte ich das Spektakel. Die Schwester fordert  Deva, die nicht stehen kann und nun gellend schreit vor Schmerz, barsch auf, sie solle sich nicht so anstellen. Als sich mir der rechte, noch freie Arm Devas entgegenstreckt und ihr flehender Blick mich schmerzverzerrt anruft, schlage ich die Hand des Arztes, der jetzt meine Schulter berührt, um mich aus dem Zimmer zu schieben, weg, gehe rasch zu Deva, packe kräftig ihr Handgelenk und stütze sie. Die Schwester dreht sich, während sie Deva an der linken Hand hält, weg, auf dass sie bloss nichts einatme von ihr, der Geächteten, deren fast gänzlich nackter dünner Leib zwischen uns kauernd hängt und deren zarte Füßchen kaum den Boden berühren. Deva starrt mich an und eine inzwischen hinzugekommene dritte Schwester wechselt die Laken.

Als Deva wieder auf dem Bett liegt, fahre ich die Schwestern an, sie sollen die Wunden regelmäßig versorgen und ein neues Kleid von denen holen, die Anna heute mitgebracht hat. Dann gehe ich über den Korridor zum Waschbecken und reinige meine Hände mit besagter, entsetzlich stinkender Seife.

Als ich wiederkomme, sitzt Anna mit ihren riesigen Princess Dianablauen Jammeraugen an Devas Bett und füttert sie mit Weintrauben. Ich spüre, wie zuwider es Deva ist. Sie will kein Mitleid. Was soll sie mit einem nach Nag Champa duftenden, verwöhnten, mitleidigen Würstechen aus dem spoiled europe an ihrem Bett, während sie vergewaltigt und abgefackelt in ihrer Kacke stirbt?

Anna reicht mir die Weintrauben. Ich  schiebe eine Traube nach der anderen in den leicht geöffneten, ausgetrockneten Mund Devas, bis diese mir entschlossen mit einer Silbe zu verstehen gibt, dass sie satt ist. In ihrem Blick thront die Stärke und Schönheit einer Göttin, die Anna nicht sieht in ihrem Mitgeleide. Obwohl sie weiss, dass Deva es ist, die die Höllenqualen durchmacht, bricht Anna schon vom Zuschauen fast zusammen, ohne zu begreifen, dass sie für Deva auf diese Weise nur eine Belastung ist und keine Stütze.

Ich befehle zornig den vor mir stocksteif stehenden Krankenschwestern sowie dem Arzt,  täglich die Laken zu wechseln und die Wunden der Patientin zu versorgen. Als ich ihnen mit dem Fluch Kalis drohe, falls sie es nicht täten, schauen sie mich ehrfürchtig an und nicken eifrig. Nachdem Anna mir frustriert erklärt, dass die das sowieso nicht machen, fahren wir schweigend nach Laxmanjhula zurück. Still überqueren wir den  Marktplatz, durch den ein seltener Windstoss Staub über den Asphalt inmitten von Eseln, Kühen, Bettlern, Mülltonnen, Touristen und Rikshas durch unser Haar weht.

 

 

 

19.5.07 20:05
 


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