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Am NowHere l

Ich hatte auf Eis gelegen. Es geschah an einem Vormittag auf dem Schulhof. Ich war in der ersten Klasse. Grosse Pause. Alles weiss von Schnee, Winter. Januarkälte. Lachende Kinder.

Ich hab auch gelacht. Auch, wenn mir bisschen mulmig war. „Los!!! Maaaaach!!!“ brüllten meine Klassenkameraden mir zu. Der Schulhof war überfüllt mit Kindern, die einen Höllenlärm machten. Es herrschte lauter Trubel auf dem Hof, den die plötzlich aufkeimende Stille so sanft wie gewaltvoll durchdrang. Sie erfasste alles: Die Kinder, den Asphalt auf dem sie liefen und ich jetzt stand, meine Haut und Knochen, unser aller Haar, den Himmel, die Bäume, die Luft - einfach alles. Alles. 

„Maaach!!!“

Allmählich wurden sie ungeduldig und fordernd. Ich stand nun als Erste vor der Anlaufstrecke zur Glitschbahn. Vor mir waren bereits an die sieben Kinder auf die gefrorene, spielgelglatte Eisfläche zugerannt, um dann volle Pulle rüberzuschliddern. Ob noch Kinder hinter mir standen, weiss ich nicht mehr. In den Sekunden, kurz bevor ich loslief, in Angst, ich könne hinfallen und mir wehtun, hatte mich jene Stille wie ein zarter Donner zum ersten Mal berührt, erfasst und mitgenommen.  Sie war kompromisslos und rüde, die Stille, liebend und – allgegenwärtig. Mit Ihr war nicht zu verhandeln. Gott war NICHTS dagegen. Zumindest nicht die kleine Idee, die ich damals von dem, was ist und nicht ist, hatte: Einem alten Mann mit gütigen Augen, weissem Haar und langem Bart. Sein Bild war mir jetzt nur noch eine alte FledderOblate, an die ich mit Inbrunst geglaubt und zu der ich allabendlich mit meinen kleinen gefalteten Kinderhänden zu beten gepflegt hatte. Das ohrenbetäubend laute Vakuum, das mich grad zu komprimieren schien, hatte das Bild von dem lieben alten Opa „Gott“  zerfetzt wie ein Tornado Pappmaschee.

„Diana!!! Was ist denn!!! Maaaaaaach!!!“

Im Gebrüll der tobenden Traube Menschenkinder lief ich auf den EisStreifen zu. Meine Beine waren wie Blei, ich kam kaum vorwärts. Es schienen Ewigkeiten zu vergehen, als ich lief, doch ich KAM an, ich………….

fiel

------- und landete mit dem Rücken auf dem Eis, welches meinen Oberkörper an sich sog wie ein Magnet die Metallplatte. Ich starrte panisch in den Himmel und bekam keine Luft mehr. Es war unmöglich zu atmen, da das Eis meinen kleinen Rücken an sich sog und – dabei die Lunge zu quetschen schien.

Als ich die Augen wieder aufschlug, fiel ihr Blick in den Himmel. Nicht gewahr, dass ich bewusstlos gewesen sein musste, schaute ich gläsern in ihn hinein. Diesmal war die lärmende Vakuumstille einer sanften, scheinbar äusseren Ruhe gewichen. Ich lag immer noch auf der Eisbahn, platt, wie eine Flunder und - drehte meinen Kopf, suchend nach dem Schulhoflärm, zur Seite. Perplex und geschockt nahm ich wahr, dass niemand mehr da war. Der Schulhof war gähnend leer und es war so leise, dass man von weiter Ferne Autos auf der Sengelmannstrasse fahren hörte. Es schneite dicke, weisse Flocken, die allmählich die unzähligen frischen FussSpuren in der dünnen Schneedecke auf dem Asphalt verschwinden liessen. Ausser mir war niemand hier.

Ich war noch nie so allein gewesen. Das Alleinsein war in jenem Moment von ebenso grenzenloser Tiefe und  Einsamkeit wie nur Der, Die, Das sie schaffen konnte, was ich zuvor „Gott“ genannt hatte. Ausser Mir existierte nichts, doch Ich war nie gewesen.

Wo waren all die Körper geblieben, die eben noch hier herumliefen? Wieso hatte mich niemand bemerkt?

Das Eis gab meinen Rücken ohne Widerstand frei, als ich mich langsam und erstaunt aufsetzte. Wie konnten die mich alle hier liegen lassen? Ich überlegte. Sie hatten mich liegen lassen, weil sie mich nicht bemerkt hatten. Ich muss für sie unsichtbar gewesen sein von dem Moment an, in dem ich fiel. Anders konnte es nicht gewesen sein.

Ich stand auf und schlürfte leer über den riesigen stillen Hof zu den Klassenräumen. Ich begegnete niemandem auf dem Weg dorthin. Schweigend betrat ich den grauen Gebäudetrakt und bewegte mich auf  totem PVC Boden den dunklen Korridor entlang zur schweren Klassentür der 1a zu meiner Linken, öffnete diese langsam und schob mich hinein in den hell erleuchteten, wärmenden Raum. Der Unterricht war in vollem Gange. Niemand schien mich zu sehen. Die Klassenlehrerin wollte wissen, was „Vokale“ sind. Auch sie bemerkte mich nicht, als ich mich lang- und wachsam wie eine Kobra durch Gänge inmitten von Tischen zu meinem Stuhl schlängelte und behutsam Platz nahm. Ich musterte meine Mitschüler um mich herum und dann – ungläubig – das blonde Mädchen direkt neben mir, welches die Klassenlehrerin aufmerksam beobachtete und keinerlei Notiz von mir nahm.

Keiner hatte mich gesehen. Nichts war geschehen. Für sie.  

 

13.5.07 19:38


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